Nur Nähe schafft Zukunft

Zukunft braucht Energie. Und sie braucht Orientierung. Denn ohne Nähe und Vertrauen verliert Transformation an Kraft. Dr. Sascha Ahnert, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Darmstadt und Dieburg, und Albrecht Förster, Vorstand Finanzen der ENTEGA AG, machen deutlich, warum beides zusammengehört – und warum genau darin eine unterschätzte Energiequelle liegt.

Albrecht Förster Dr. Sascha Ahnert
Nur Nähe
schafft
Zukunft
Albrecht Förster
und Dr. Sascha Ahnert
Zukunft braucht Energie. Und sie braucht Orientierung. Denn ohne Nähe und Vertrauen verliert Transformation an Kraft. Dr. Sascha Ahnert, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Darmstadt und Dieburg, und Albrecht Förster, Vorstand Finanzen der ENTEGA AG, machen deutlich, warum beides zusammengehört – und warum genau darin eine unterschätzte Energiequelle liegt.

Herr Förster, Herr Ahnert – Sie beide kennen sich bisher nicht persönlich, haben aber während der Fotoproduktion zu diesem Gespräch festgestellt, dass Sie eine Leidenschaft teilen. Verraten Sie, welche?

Albrecht Förster: Gerne. Sie meinen wahrscheinlich die Leidenschaft für Großbritannien. Ja, da zieht es uns beide immer wieder hin.

Sascha Ahnert: Stimmt. Aber bei Herrn Förster hat es mit der Musik zu tun. Bei mir mit einem längeren Studienaufenthalt. Besonders London liebe ich sehr.

Albrecht Förster schaut in die Kamera.
Historischer Stadtplatz mit Fachwerkhäusern und Außengastronomie.
Vertrauen und Nähe sind für ENTEGA keine Schlagworte, sondern gelebte Praxis.“
Albrecht Förster

Ist es eher etwas Nostalgisches, was Sie an Großbritannien reizt? Oder haben Sie den Eindruck, dass es dort mehr ,,Zukunft“ gibt als bei uns?

Sascha Ahnert: Auf der einen Seite ja. Eine Stadt wie London ist natürlich hochtraditionell und hochinnovativ zugleich. In gewisser Weise eine einzige Inspiration. Andererseits muss man ganz klar sehen: Die Brexitentscheidung hat die Briten wirtschaftlich eher zurückgeworfen und manche Zukunftsperspektiven mehr verstellt als gefördert.

Albrecht Förster: Ja. Und es zeigt sich, dass Zukunft für die Gesellschaft in Großbritannien ein ebenso ungewisses und schwieriges Projekt ist wie für uns in Kontinentaleuropa. So etwas wie die kommunalen Unternehmen in Deutschland gibt es in Großbritannien ja kaum. Der Energiemarkt zum Beispiel ist weitestgehend privatisiert. Und seit den 70er-Jahren sind Briten überzeugt, dass die Zukunft am besten auf diese Weise organisiert wird. Wir gehen hier in Deutschland bewusst einen anderen Weg. Und ich habe den Eindruck: keineswegs schlechter.

Sascha Ahnert: Das denke ich auch. Für die meisten Menschen und für unsere Gesellschaft insgesamt ist es äußerst hilfreich, dass es kommunale Unternehmen wie die ENTEGA oder eben auch die Sparkassen gibt. Sie schaffen Nähe und damit die Voraussetzung für etwas, ohne das eine gute Zukunft nur schwer vorstellbar ist: Vertrauen.

Albrecht Förster: Das ist tatsächlich ein ganz zentraler Punkt. Vertrauen und Nähe sind für ENTEGA keine Schlagworte, sondern gelebte Praxis. Wir sehen das immer wieder bei Kunden, die kurzfristigen Verlockungen des Markts folgen. Da wird dann ein langjähriger Stromvertrag mit gekündigt, weil ein Wettbewerber gerade einmal ein attraktiveres Preisangebot macht. Aber oft hält dieser Vorteil nicht lange. Und im Zweifel zeigt sich dann sehr schnell, was der Unterschied zwischen einem kurzfristig kalkulierenden Anbieter und einem kommunal geprägten Grundversorger ist. Wenn Preise stark schwanken oder sich Geschäftsmodelle nicht mehr tragen, ziehen sich manche Anbieter zurück. Dann fallen die Kunden auf den Grundversorger zurück. Spätestens in solchen Situationen zeigt sich: Verlässlichkeit und persönlicher Service sind durch kurzfristige Preisvorteile nicht zu ersetzen.

Sascha Ahnert schaut in die Kamera.
Menschen wollen sich am Ende vergewissern, dass sie die richtige Entscheidung treffen. Dafür braucht es Kompetenz, aber eben auch ein Gegenüber, das Verantwortung übernimmt.“
Sascha Ahnert

Gilt dieser Zusammenhang von Vertrauen, Verlässlichkeit und regionaler Nähe in Ihren Branchen also in besonderer Weise?

Albrecht Förster: Ja, eindeutig. Wir sind in der Region mit unseren Netzen präsent, mit unseren Kunden und mit den Investitionen, die wir hier stemmen. Unsere Investitionen sind immer auch ein Bekenntnis zur Region. Wenn wir in neue Netze, in die Wärmeversorgung oder in erneuerbare Energien investieren, dann tun wir das mit dem Anspruch, die Lebensqualität vor Ort zu sichern und die Region zukunftsfähig zu machen. Das motiviert mich persönlich sehr – denn ich sehe, wie unsere Entscheidungen ganz konkret das Leben der Menschen hier verbessern.

Sascha Ahnert: Für die Sparkassen ist das faktisch kein Anspruch, sondern ein Auftrag. Wir sind anders in der Region verankert als eine rein privatwirtschaftlich organisierte Bank. Wir haben eine öffentliche Trägerschaft, einen gesetzlichen Auftrag und damit eine besondere Verbindung zu den Menschen, Kommunen und Unternehmen vor Ort. Das prägt unser Selbstverständnis. Wir finanzieren nicht nur wirtschaftlich attraktive Vorhaben, sondern engagieren uns – zum Beispiel auch über Spenden und Sponsorings – auch dort, wo etwas für die Region wichtig ist. Genau das unterscheidet uns.

Sascha Ahnert und Albrecht Förster unterhalten sich fokussiert.

Aber ist dieses Modell regionaler Nähe nicht auch anfällig für den Einwand, es sei zu kleinteilig, vielleicht auch zu aufwendig?

Albrecht Förster: Der Einwand liegt nahe. Natürlich könnte man manches zentralisieren. Aber man würde dabei auch viel verlieren. Wenn vor Ort eine Kommune ihre Wärmeplanung umsetzt oder ein Unternehmen ein Projekt entwickeln will, dann ist es eben ein großer Unterschied, ob man einen direkten Ansprechpartner in der Region hat oder sich an eine große, anonyme Struktur wenden muss. Infrastruktur ist nie nur Technik. Sie hat immer auch mit Beziehungen, mit Wissen über lokale Bedingungen und mit Verantwortung zu tun.

Sascha Ahnert: Ich würde noch weiter gehen: Gerade weil vieles digitaler und standardisierter wird, steigt der Wert solcher regionalen Strukturen. Für einfache Servicevorgänge braucht man in Zukunft vielleicht weniger persönliche Kontakte. Aber bei wichtigen Entscheidungen bleibt das anders. Ob Immobilienfinanzierung, größere Investitionen oder komplexe Beratungsfragen: Menschen wollen sich am Ende vergewissern, dass sie die richtige Entscheidung treffen. Dafür braucht es Kompetenz, aber eben auch ein Gegenüber, das Verantwortung übernimmt und zu dem man, aufgrund einer persönlichen Beziehung, Vertrauen hat.

Historisches Gebäude mit Rundbogenfenstern und Platanenallee an einem sonnigen Tag.
Großes entscheidet sich im Kleinen: In den Kommunen vor Ort bringen direkte Ansprechpartner wichtige Projekte auf den Weg.
Sascha Ahnert und Albrecht Förster unterhalten sich

Das klingt so, als würden Regionalität und Digitalisierung für Sie kein Gegensatz sein.

Sascha Ahnert: Nein, überhaupt nicht – im Gegenteil. Die Sparkasse der Zukunft wird selbstverständlich digital sein. Sie muss auf allen relevanten Kanälen erreichbar sein, sie muss ihren Kunden über einfache Prozesse eine intuitive, schnelle und durchgängige Erfahrung bieten. Deshalb wird es umso wichtiger, die verschiedenen Kanäle klug zusammenzuführen. Die Herausforderung besteht nicht darin, das Alte gegen das Neue bzw. Offline gegen Online auszuspielen. Die Herausforderung besteht darin, beides so miteinander zu verbinden, dass daraus ein überzeugendes Gesamterlebnis entsteht.

Albrecht Förster: Das gilt im Energiesektor genauso. Digitalisierung eröffnet uns neue Möglichkeiten, unsere Dienstleistungen effizienter und kundenfreundlicher zu gestalten. Aber am Ende geht es immer um die Menschen vor Ort – um ihre Bedürfnisse, ihre Sicherheit, ihre Zukunft. Für mich ist das kein Widerspruch, sondern eine spannende Aufgabe: Hightech und Herzblut zu Puls für die Region zu verbinden.

Sascha Ahnert und Albrecht Förster stehen auf einer Treppe und lächeln in die Kamera.
Sascha Ahnert und Albrecht Förster unterhalten sich beim Laufen im Park
Schulterschluss: Für die Region können Sparkasse und Energieversorger gemeinsam viel bewegen.

Herr Ahnert, Ihre Sparkasse ist gerade fusioniert. Wie passt das zu dem Leitbild regionaler Nähe? Wird da nicht doch etwas größer und damit auch distanzierter?

Sascha Ahnert: Das würde ich so nicht sehen. Die Fusion der Sparkassen Darmstadt und Dieburg ist aus einem bereits verbundenen, gemeinsamen Wirtschaftsraum heraus entstanden. Es gab zuvor schon enge Verbindungen und ähnliche Strukturen in den beiden Häusern. Aus unserer Sicht haben wir mit der Fusion zusammengeführt, was eigentlich schon länger zusammengehörte. Damit gewinnen wir Stabilität, Innovationskraft und personelle Ressourcen. Gerade Zukunftsthemen wie Digitalisierung, künstliche Intelligenz oder ESG-Beratung erfordern Ressourcen und Expertise, die man als kleineres Haus kaum allein aufbauen kann. Das bedeutet aber nicht, dass man die regionale Verwurzelung aufgibt. Im Gegenteil: Man stärkt die Fähigkeit, diese Rolle im gemeinsamen Wirtschaftsraum und nun gemeinsamen Geschäftsgebiet auch künftig gut auszufüllen.

Gibt es im Energiesektor vergleichbare Tendenzen?

Albrecht Förster: Auch unsere Branche steht unter erheblichem Druck, sich weiterzuentwickeln und zugleich sehr hohe Investitionen zu schultern. Entscheidend sind aus meiner Sicht drei Faktoren: qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, eine sichere und leistungsfähige IT und Kapital. Wer hier gut aufgestellt ist, kann Zukunft aktiv gestalten. Und natürlich spielt dabei auch die Zusammenarbeit mit regionalen Finanzierungspartnern eine wichtige Rolle.

Damit sind wir schon bei den Schnittstellen zwischen Ihren beiden Häusern. Wo liegen die ganz konkret?

Albrecht Förster: Zunächst einmal bei den Investitionen. Wir haben in den nächsten Jahren ein enormes Programm vor uns: Stromnetze, Wärmenetze, Glasfaser, dazu erneuerbare Erzeugungsanlagen. Dafür braucht es verlässliche Finanzierungspartner. Es ist für uns ein großer Vorteil, dass wir dafür mit der Sparkasse regional eng zusammenarbeiten können. Solche Partnerschaften sind ein echter Standortvorteil.

Sascha Ahnert: Das kann ich aus Perspektive der Sparkasse nur bekräftigen. Darüber hinaus gibt es natürlich auch eine strategische Schnittmenge. Wenn die Region vor großen Transformationsaufgaben steht, dann liegt es nahe, dass kommunale und regionale Akteure enger zusammenarbeiten. Das betrifft Finanzierung, Beratung, Vernetzung und möglicherweise auch gemeinsame Projekte. Ich glaube, dass in solchen regionalen Ökosystemen noch viel Potenzial für unsere Region steckt.

Stichwort Investitionen. Auch die fallen ja nicht vom Himmel, sondern brauchen Voraussetzungen. Was sind die wichtigsten?

Albrecht Förster: Verlässlichkeit. Jedes Infrastrukturprojekt ist ein Baustein der Zukunft, der über Jahrzehnte wirken wird. Dafür braucht es klare Rahmenbedingungen. Unsicherheit ist Gift für Investitionen. Wenn das Zielbild nicht klar ist, dann steigen Risiken und damit auch die Finanzierungskosten. Man kann über Fristen, Instrumente und Detailfragen diskutieren. Aber die Richtung muss erkennbar und dauerhaft sein. Das gilt für Netze, für Wärmeinfrastruktur, für Kapazitäten im Stromsystem und für den Ausbau grenzüberschreitender Verbindungen.

Sascha Ahnert: In der Finanzbranche ist es ähnlich. Auch hier wirken politische Unsicherheit und mangelnde Verlässlichkeit direkt auf das Vertrauen der Menschen. Das lässt sich am Beispiel stark schwankender staatlicher Förderprogramme – ob im privaten oder gewerblichen Bereich – sehr klar ablesen. Für uns kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Wir müssen darauf achten, dass wir die Beziehung zu unseren Kunden nicht verlieren. Die technologische Entwicklung wird dazu führen, dass Finanzentscheidungen stärker vorstrukturiert, verglichen und automatisiert werden. Das birgt Chancen, aber eben auch Risiken.

Vier Personen im Gespräch in einem modernen Büro.
Sascha Ahnert und Albrecht Förster unterhalten sich in einem Büro
Treiber des Wandels: Beschäftigte bringen ihre Ideen ein.

Welche Risiken meinen Sie?

Sascha Ahnert: Ein mögliches Szenario ist, dass unabhängige, digitale Agenten künftig weite Teile der Produktsuche und Entscheidungsfindung übernehmen. Dann würde ein Kunde vielleicht gar nicht mehr bewusst eine Bank auswählen, sondern nur noch ein System beauftragen, das aus allen verfügbaren Daten automatisch die vermeintlich günstigste Lösung herausfiltert. Das wäre eine Welt, in der die bisherige, klassische Rolle einer Bank deutlich anders würde. Deshalb ist es so wichtig, dass wir technologisch Schritt halten und zugleich das bewahren, was uns besonders macht.

Und was ist das?

Sascha Ahnert: Die Verbindung von Kompetenz, Verantwortung und Nähe. Die Menschen sollen digitale Möglichkeiten nutzen können. Aber sie sollen auch wissen, dass hinter Angeboten und Entscheidungen ein Institut steht, das langfristig denkt, das verantwortungsvoll handelt und das in der Region verankert ist – allen voran mit den eigenen Beschäftigten, zu denen unsere Kunden eine persönliche Vertrauensbeziehung haben.

Lassen Sie uns zum Schluss noch auf die innere Seite der Zukunft schauen: Ihre Unternehmen, Ihre Beschäftigten, Ihre Kultur. Wie groß ist dort die Bereitschaft zum Wandel?

Albrecht Förster: Ich erlebe bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine große Aufbruchsstimmung. Viele bringen eigene Ideen ein, wollen gestalten und Verantwortung übernehmen. Das inspiriert mich als Finanzvorstand immer wieder aufs Neue. Wir sind ein Team, das nicht nur auf Veränderungen reagiert, sondern sie aktiv vorantreibt – und das macht uns stark für die Zukunft.

Sascha Ahnert: Das erleben wir bei der Sparkasse genauso – und die Fusion hat noch eine zusätzliche Dynamik erzeugt. Obwohl unsere Häuser grundsätzlich ähnlich aufgestellt waren, gab es im Detail natürlich viele Entscheidungen zu treffen, beispielsweise wie interne Prozesse ablaufen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben hier selbst Vorschläge erarbeitet, ganz im Sinne von „best of both worlds“. Derartig gemeinsam getroffene Entscheidungen unterstützen die Bereitschaft zum Wandel enorm. Wenn wir uns nun als gemeinsames Haus fit für die Zukunft machen, so kommt dazu: Die absehbaren technologischen Veränderungen sind anspruchsvoll, eröffnen aber gleichzeitig enorme Möglichkeiten – und genau deshalb ist wichtig, dass auch solche Entwicklungen kulturell gut begleitet werden.

Zwei Menschen unterhalten sich konzentriert.
Eine Region braucht den Mut, zu investieren, klare politische Leitplanken und Akteure, die Verantwortung vor Ort übernehmen.“
Albrecht Förster

Wenn Sie beide zum Schluss einen Gedanken formulieren müssten: Was braucht eine Region, um zukunftsfähig zu sein?

Albrecht Förster: Sie braucht den Mut, zu investieren, klare politische Leitplanken und Akteure, die Verantwortung vor Ort übernehmen.

Sascha Ahnert: Und sie braucht Institutionen, die nicht nur effizient arbeiten, sondern auf Dauer auch Bindung schaffen. Denn Zukunft entsteht nicht allein aus Innovation. Sie entsteht auch aus Vertrauen, Verlässlichkeit und dem Willen, Verantwortung gemeinsam zu tragen.

Herr Förster, Herr Ahnert – herzlichen Dank für das Gespräch.