Die Energiewende lebt auch von Ehrlichkeit

Die Energiewende ist längst mehr als ein Technologieprojekt. Sie entscheidet darüber, wie widerstandsfähig unsere Gesellschaft künftig sein wird – wirtschaftlich, geopolitisch und ökologisch. Andreas Niedermaier hat diesen Wandel über Jahrzehnte im Vorstand der ENTEGA mitgestaltet. Dr. Julia Klinger übernimmt nun Verantwortung in einer Zeit, die zugleich von Unsicherheit und enormem Veränderungsdruck geprägt ist. Ein Gespräch über Netze als Rückgrat der Energiewende, Führung in Krisenzeiten und die Frage, warum Zukunft vor allem Klarheit, Vertrauen und langen Atem braucht.

Andreas Niedermaier Dr. Julia Klinger
Die Energiewende
lebt auch von
Ehrlichkeit
Dr. Julia Klinger
und Andreas Niedermaier
Die Energiewende ist längst mehr als ein Technologieprojekt. Sie entscheidet darüber, wie widerstandsfähig unsere Gesellschaft künftig sein wird – wirtschaftlich, geopolitisch und ökologisch. Andreas Niedermaier hat diesen Wandel über Jahrzehnte im Vorstand der ENTEGA mitgestaltet. Dr. Julia Klinger übernimmt nun Verantwortung in einer Zeit, die zugleich von Unsicherheit und enormem Veränderungsdruck geprägt ist. Ein Gespräch über Netze als Rückgrat der Energiewende, Führung in Krisenzeiten und die Frage, warum Zukunft vor allem Klarheit, Vertrauen und langen Atem braucht.

Frau Klinger, wann wurde das etwas abstrakte Thema Zukunft in Ihrem persönlichen Leben am eindrucksvollsten greifbar und konkret?

Julia Klinger: Ganz klar bei der Geburt meiner Kinder. Greifbarer wird Zukunft nicht. Beruflich war es der Start unseres großen Umbaus am Müllheizkraftwerk Darmstadt. Und natürlich jetzt auch der Übergang an der Spitze des Unternehmens. Nach vielen Jahren Verantwortung beginnt für mich noch einmal eine neue Phase. Insgesamt finde ich: Zukunft entsteht immer dort, wo Menschen Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.

Herr Niedermaier, was bewegt Sie persönlich beim Thema Zukunft?

Andreas Niedermaier: Die Beobachtung, dass man mit zunehmendem Alter deutlich nachdenklicher wird, wenn es um die Frage der Zukunft geht. In jungen Jahren hat man vielleicht noch nicht den Überblick über die Zusammenhänge, der sich mit zunehmender Lebenserfahrung einstellt. Vieles, was im Rahmen der Liberalisierung der Energiemärkte in Europa vor fast 30 Jahren politisch entschieden wurde, konnten wir uns nicht vorstellen, es ist aber fast alles eingetreten und noch mehr.

Julia Klinger auf einem Wartungssteg zwischen Solarmodulen in einem großen Solarpark.
Ich glaube fest daran, dass Zukunft nicht einfach passiert. Wir müssen sie gestalten. Es ist unsere Aufgabe, die Welt besser zu machen und dabei wirklich langfristig zu denken.“
Julia Klinger

Frau Klinger, mit welchem Zukunftsverständnis treten Sie Ihre neue Aufgabe an?

Julia Klinger: Ich glaube fest daran, dass Zukunft nicht einfach passiert. Wir müssen sie gestalten. Es ist unsere Aufgabe, die Welt besser zu machen und dabei wirklich langfristig zu denken. Wir müssen gleichzeitig flexibel bleiben und die eigenen Werte im Blick behalten. Gerade angesichts der vielen gleichzeitigen Krisen. Dieses Szenario verändert die Erwartungen der Menschen. Sicherheit und Stabilität gewinnen wieder enorm an Bedeutung. Deshalb brauchen Unternehmen Klarheit, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, Dinge aktiv zu gestalten.

Wird Zukunft heute stärker als Herausforderung wahrgenommen als noch vor einigen Jahrzehnten?

Andreas Niedermaier: Teilweise schon. Gleichzeitig erleben wir enorme technologische Fortschritte. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und globale Vernetzung schaffen neue Möglichkeiten und Wohlstand. Aber natürlich stehen dem große Risiken gegenüber – allen voran der menschengemachte Klimawandel. Die entscheidende Frage lautet: Gelingt es uns, die Chancen zu nutzen und die Risiken zu begrenzen?

Frau Klinger und Herr Niedermaier setzen zur PV-Anlage über
Es wird übergesetzt zur PV-Anlage.
Frau Klinger und Herr Niedermayer begutachten die schwimmende PV-Anlage

Welche Rolle spielen unterschiedliche Generationen dabei?

Julia Klinger: Alter allein sagt wenig aus. Entscheidend sind Haltung, Erfahrung, Mut und Offenheit für Veränderung. Entsprechende Perspektiven entstehen vor allem dann, wenn unterschiedliche Sichtweisen zusammenkommen – von jungen und erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und aus ganz verschiedenen Hintergründen.

Andreas Niedermaier: Genau darin liegt die Stärke. Wenn Erfahrung auf technologisches Verständnis trifft, entstehen bessere Entscheidungen. Vielleicht dauert manches dann etwas länger. Aber am Ende wird die Qualität höher.

Das Gespräch findet auf einer schwimmenden Photovoltaikanlage statt. Wofür steht Solarenergie heute?

Julia Klinger: Vor allem dafür, dass die Energiewende längst Realität ist. Allein der Blick auf den deutschen Strommix zeigt das deutlich: Mehr als die Hälfte des erzeugten Stroms stammt inzwischen aus erneuerbaren Energien. Gerade die Photovoltaik wächst dynamisch. Und diese Anlage hier zeigt noch etwas anderes: Innovation entsteht nicht nur irgendwo im Silicon Valley, sondern ganz konkret vor Ort. Diese Anlage hier hat ja unsere Tochtergesellschaft EPS errichtet. Sie ist auf innovative Energielösungen spezialisiert.

Person steht zwischen Photovoltaikmodulen in einem großen Solarpark.
Die Spitzen hoher Finanzgebäude vor einem blauen Himmel
Wenn Erfahrung auf technologisches Verständnis trifft, entstehen bessere Entscheidungen.“
Andreas Niedermaier

Welche technologischen Fortschritte haben den größten Unterschied gemacht?

Andreas Niedermaier: Die Effizienzsteigerungen bei Windkraft- und Solaranlagen waren enorm. Moderne Anlagen erzeugen deutlich mehr Energie als frühere Generationen. Dadurch benötigen wir weniger Fläche und erreichen höhere Erträge.

Welche Entwicklungen halten Sie derzeit für besonders zukunftsweisend?

Julia Klinger: Ganz klar die Speichertechnologien – sowohl für Strom als auch für Wärme. Sie werden eine zentrale Rolle spielen. Große Speicher könnten künftig Aufgaben übernehmen, für die heute oft noch Gaskraftwerke benötigt werden. Das wäre ein wichtiger Schritt für die weitere Dekarbonisierung unseres Energiesystems.

Julia Klinger und Andreas Niedermaier auf einem Industriegelände mit Förderanlagen..

Warum kommen wir beim Umbau des Energiesystems trotzdem oft langsamer voran als möglich wäre?

Andreas Niedermaier: Wir neigen in Deutschland manchmal dazu, die eigenen Leistungen schlechtzureden. Dabei gehört unser Energiesystem zu den zuverlässigsten weltweit. Die Ausfallzeiten unserer Netze liegen weit unter dem Durchschnitt anderer Industrienationen. Ich betrachte zum Beispiel die zunehmende Dezentralisierung unserer Stromerzeugung als einen wesentlichen Beitrag zur Resilienz unserer Versorgungslandschaft. In der Ukraine sieht man deutlich die Schwächen einer zentralen Stromerzeugung mit Großkraftwerken. Natürlich wünschen wir uns weniger Bürokratie. Aber Regulierung schafft auch Verlässlichkeit. Entscheidend ist, dass die Rahmenbedingungen klar bleiben.

Julia Klinger: Genau das ist der Punkt. Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Wir müssen wissen, in welche Technologien wir investieren sollen – bei Stromnetzen ebenso wie bei Fernwärme, Wasserstoff oder erneuerbaren Energien.

Oft wird vor allem über Windräder und Solaranlagen gesprochen. Dabei entscheidet sich vieles im Netz. Warum wird das unterschätzt?

Andreas Niedermaier: Weil Netze weniger sichtbar sind. Eine neue Trafostation sorgt nicht für Schlagzeilen. Aber genau dort findet die Energiewende statt – in den regionalen Verteilnetzen. Dort werden Erzeugung und Verbrauch zusammengebracht und stabil gesteuert. Dieser Beitrag wird oft als selbstverständlich wahrgenommen. Dabei ist er existenziell für unsere Gesellschaft.

Andreas Niedermaier sitzt im Radlader
Julia Klinger steht auf einer technischen Anlage mit Metallkonstruktionen und Fördertechnik im Hintergrund.

Was bedeutet der notwendige Netzausbau konkret?

Julia Klinger: Es ist ein Generationenprojekt. Wir planen unsere Strom-, Wasser- und Wärmenetze mit einem Zeithorizont von Jahrzehnten. Das erfordert enorme Investitionen, Fachkräfte und starke Partner. Allein in den kommenden Jahren investieren wir hohe Summen in unsere Infrastruktur. Gleichzeitig müssen wir Versorgungssicherheit gewährleisten und bestehende Systeme weiterbetreiben.

Wo entstehen dabei die größten Zielkonflikte?

Andreas Niedermaier: Zwischen langfristigen Investitionen und ständig wechselnden politischen Rahmenbedingungen. Infrastrukturprojekte laufen oft über 50 oder 60 Jahre. Dafür braucht man stabile Regeln. Wenn Gesetze oder politische Leitlinien sich permanent ändern, entsteht Unsicherheit – bei Unternehmen ebenso wie bei Bürgern.

Wie schafft man Akzeptanz für Infrastrukturprojekte?

Julia Klinger: Durch Transparenz und frühe Beteiligung. Menschen akzeptieren Veränderungen eher, wenn sie nachvollziehen können, warum sie notwendig sind. Wir haben bei der kommunalen Wärmeplanung in Darmstadt sehr gute Erfahrungen mit intensiver Information und Bürgerdialogen gemacht. Wer die Menschen früh mitnimmt, schafft Vertrauen.

Andreas Niedermaier: Grundsätzlich verstehen die meisten Menschen, dass Infrastruktur modernisiert werden muss. Niemand wundert sich mehr über Baustellen für Glasfaser, Wasser- oder Stromleitungen. Schwieriger wird es manchmal bei langwierigen Genehmigungsprozessen.

Andreas Niedermaier steht auf einem sandigen Industriegelände vor einem großen gelben Radlader und weiteren Baumaschinen
Ich habe fast 46 Jahre für ENTEGA gearbeitet – in guten wie in schwierigen Zeiten. Ich hoffe, dass die Werte und der Weg, die wir aufgebaut haben, eine tragfähige Grundlage für die Zukunft bleiben.“
Andreas Niedermaier

Das ist doch auch eine Frage der Führung, oder? Wie funktioniert die in einer Zeit ständiger Umbrüche?

Julia Klinger: Führung braucht heute vor allem Klarheit und Integrität. Menschen erwarten Transparenz, Verlässlichkeit und ehrlichen Dialog. Für mich bedeutet Integrität, dass Werte und Handeln zusammenpassen. Genau daraus entsteht Vertrauen.

Andreas Niedermaier: Und wer Vertrauen schenkt, bekommt Loyalität und Leistung zurück. Außerdem sollte man auch in schwierigen Situationen den Humor nicht verlieren. Gemeinsam lachen zu können, hilft enorm.

Herr Niedermaier, ist es das, was Sie Ihrer Nachfolgerin mitgeben?

Andreas Niedermaier: Im Grunde ja: Vertrauen, Gelassenheit und Klarheit. Das zählt. Zukunft lässt sich nicht kontrollieren, aber man kann verantwortungsvoll mit ihr umgehen.

Auch wenn es mal wieder Kritik von außen hagelt? Schließlich ist die Energiewende nicht gerade ein Konsensprojekt.

Andreas Niedermaier: Ja, auch hier helfen Besonnenheit und ein klarer Fokus auf das, was trägt. Die Mehrheit der Menschen unterstützt den Weg in Richtung klimaneutrale Gesellschaft. Aber sie erwartet auch nachvollziehbare Entscheidungen und Ehrlichkeit darüber, was möglich ist – und was nicht.

Wie verändert sich dadurch die Rolle eines regionalen Energieunternehmens?

Julia Klinger: Unsere Verantwortung wächst. Wir sichern die Versorgung mit Strom, Wärme, Wasser und Infrastruktur. Gleichzeitig müssen wir Entwicklungen früh erkennen und vorausschauend handeln. Gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten zeigt sich, wie wichtig regionale und resiliente Strukturen sind.

Julia Klinger und Andreas Niedermaier gehen über ein Industriegelände mit großen Silos und technischen Anlagen im Hintergrund.

Haben Sie den Eindruck, dass das weithin akzeptiert ist? Oder braucht es auch mehr Ehrlichkeit in der Debatte?

Andreas Niedermaier: Unbedingt. Zum Beispiel beim Thema Wärmeversorgung. Viele Menschen hoffen, dass Wasserstoff künftig flächendeckend zum Heizen von Gebäuden verfügbar sein wird. Diese Erwartung halte ich für unrealistisch. Darüber müssen wir offen sprechen.

Zum Abschluss: Wenn Sie Zukunft in einem Satz beschreiben müssten – wie würde er lauten?

Andreas Niedermaier: Gerade in schwierigen Zeiten dürfen wir unsere Werte nicht aufgeben.

Julia Klinger: Unsere Aufgabe ist es, Netze und Infrastruktur enkelsicher zu machen.

Herr Niedermaier, was bedeutet es für Sie persönlich, Verantwortung weiterzugeben?

Andreas Niedermaier: Sehr viel. Ich habe fast 46 Jahre für ENTEGA gearbeitet – in guten wie in schwierigen Zeiten. Ich hoffe, dass die Werte und der Weg, die wir aufgebaut haben, eine tragfähige Grundlage für die Zukunft bleiben.

Frau Klinger, was bedeutet es für Sie, diese Verantwortung zu übernehmen?

Julia Klinger: Vor allem Freude. Ich darf auf einer starken Basis aufbauen und gemeinsam mit vielen engagierten Menschen die Zukunft dieses Unternehmens gestalten.

Frau Klinger, Herr Niedermaier – herzlichen Dank für das Gespräch.